Robo-Advisor: Eine Marketing-Blase vor dem Platzen?

Mit Cashboard ging der erste bekannte Robo-Berater pleite, beim Münchener Start-up Scalable Capital hat sich kürzlich der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock mit 30 Millionen Euro beteiligt. Inzwischen bietet fast jede Bank eine digitale Vermögensverwaltung an. Auch die klassischen Vermögensverwalter haben eigene Lösungen lanciert, ferner zahlreiche neu gegründete FinTechs. Das Thema dürfte damit nahe an einem Hochpunkt und die nächsten Jahre durch Konsolidierung geprägt sein.

Die Kernidee: einfache und günstige Vermögensverwaltung

Der Boom der Indexfonds ETFs ist daraus entstanden, dass zahlreiche Studien zeigten, dass die große Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds ihre Benchmark nicht schlägt. Eine wesentliche Ursache liegt in der Kostenstruktur, denn neben der Fondsstruktur und der Abwicklung müssen auch das Fondsmanagement sowie der Vertrieb bezahlt werden. ETFs, die schlichtweg nur einen Index abbilden, sind da zwangsläufig günstiger. Entsprechend ist in der vergangenen Jahren immer mehr Kapital in diese Instrumente geflossen.

Robo-Advisor sind der logische Folgeschritt: Denn was für aktiv gemanagte versus passiv gemanagte Fonds gilt, gilt auch für die Vermögensberatung und -verwaltung. Während Sie – ggf. nach einer Beratung – Fonds selbst auswählen und in Ihr Depot kaufen (sog. „Anlage- und Abschlussvermittlung“), geben Sie Ihr Geld bei der Vermögensverwaltung in fremde Hände ab. Auch hier gilt, dass viele Vermögensberater und -verwalter hinter dem Markt bzw. einer passenden Benchmark zurückbleiben. Wie bereits im Artikel von Michael Roch auf FondsTrends erläutert, erstellen Robo-Berater anhand von einigen standardisierten Fragestellungen durch einen Algorithmus ein „persönliches“ Chance-Risiko-Profil und bieten ein dazu passendes Portfolio an, das bei den meisten Anbietern auf ETFs basiert. Somit kann ein Kunde einfach und günstig sein Geld anlegen bzw. verwalten lassen.

„Die meisten Robo-Advisor werden in wenigen Jahren wieder vom Markt verschwunden sein.“

Marco Feiten

Was einfach ist, lässt sich auch einfach kopieren

Nachdem FinTech bzw. „Digitalisierung“ schon seit zwei Jahren ein Trend-Thema in der Finanzbranche darstellt, war es geradezu klar, dass neue Robo-Berater „wie Pilze aus dem Boden schießen würden“. Dies dürfte sowohl dem „Me too-Effekt“ als auch wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet sein. Kaum eine Bank oder ein Vermögensverwalter möchte „alt und rückständig“ wirken oder Geschäft an neue Anbieter verlieren. Und die klassische Beratung leidet noch immer unter einem immensen Vertrauensverlust – da ist es womöglich einfacher, eine kostengünstige „neutrale, künstliche Intelligenz“ zu vermarkten.

Da jedoch die Robo-Modelle tatsächlich nicht wirklich intelligent im eigentlichen Sinne sind, können sie recht einfach kopiert werden. Es sind etwas salopp gesagt oftmals nur „schick aufbereitete Websites“ mit einfachen Datenerfassungs- und -auswertungstools. Und das Management der Gelder basiert häufig auf bekannten, etablierten Modellen oder setzt einfach auf der vorhandenen klassischen Vermögensverwaltung auf. Das Ergebnis: Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Anbietern und Lösungen – allein in Deutschland aktuell 26. Hier eine Übersicht seitens TechFluence:

Robo Advisor Deutschland

In gewisser Hinsicht kann man hier durchaus von einer „Marketing-Blase“ sprechen, denn bei derart vielen neuen Angeboten in so kurzer Zeit wird es zunehmend unübersichtlich für den Endkunden und nicht wenige Robo-Modelle dürften mehr ein Marketing-Label denn eine echte Innovation sein.

Risikofaktoren: Wettbewerb, Regulatorik, Trendwende an den Märkten

Ob die Robo-Berater wirklich mit einigen simplen Fragen bedarfsgerechte Anlagelösungen anbieten, sei an dieser Stelle offen gelassen. Dazu müsste jedes Modell genauer untersucht werden. Es ist jedoch durchaus wahrscheinlich, dass wir noch weit davon entfernt sind, einen fähigen Berater durch „künstliche Intelligenz“ zu ersetzen.

Für die zahlreichen Robo-Advisor dürfte die zunehmende Konkurrenz an sich schon eine Herausforderung darstellen – was nicht zuletzt die Pleite von Cashboard gezeigt hat. Künftig kommen dazu mögliche regulatorische Bestimmungen, welche das Geschäft verteuern und verkomplizieren – so wie es die Banken schon seit Jahren in ihrem klassischen Geschäft erleben. Das größte Risiko für die neuen Player am Markt dürfte jedoch eine fundamentale Trendwende an den Finanzmärkten sein. Sollten z. B. die Zinsen steigen, würden sich Investoren wieder alternative „sichere“ Anlageformen eröffnen, z. B. klassische Sparbriefe.

Besonders verheerend wäre jedoch wohl eine echte Baisse, also fallende Börsenkurse über eine lange Zeitperiode. Amüsant hat das Sven Henrich in einem Tweet dargestellt:

Der Punkt ist, dass die meisten Robo-Modelle keine Kasse vorsehen, also gewissermaßen immer investiert bleiben. Fallen Aktien und Anleihen gemeinsam, werden die meisten Robo-Advisor Geld verlieren. Dazu kommt, dass ETFs derzeit eher „long-only“-fokussiert, also überwiegend auf steigende Werte ausgelegt sind. Beginnen die Märkte zu fallen, können diese Modelle nur sehr bedingt ihre Investoren schützen. Anlegern bleibt dann eigentlich nur der Verkauf bzw. die Kündigung, was die Robo-Berater wirtschaftlich genau dann treffen würde, wenn das Geschäft ohnehin schwieriger sein dürfte. Und selbst der Verkauf an sich könnte problematisch werden, da der immense Erfolg der ETFs sowie der automatischen Handelsmodelle neue Liquiditätsrisiken erzeugt hat.

Konsolidierung voraus – echte „Robo-Berater“ werden kommen

Nachdem die Aktienmärkte seit 2009 eine deutlich positive Entwicklung genommen und die Zinsen global durch die Notenbanken in den negativen Bereich gedrückt wurden, zuletzt jedoch einige Notenbanken begonnen haben, ihre Stimuli zurückzufahren, dürfte das Börsenumfeld schwieriger werden. Schon jetzt enttäuschen einige der digitalen Anlageberater und nicht wenige Modelle dürften in schwierigerem Fahrwasser gänzlich scheitern. Die größeren Anbieter und solche mit wirklich „ausgetüftelter“ Technologie dürften wiederum nicht lange eigenständig am Markt bleiben. Der Einstieg von Blackrock bei Scalable Capital war hier der erste Schritt zu einer möglichen größeren Konsolidierungswelle.

Eines ist klar: Die Finanzbranche bleibt unter erheblichem Margen- und Innovationsdruck. Robo-Berater werden daher perspektivisch womöglich wirklich relevante Marktanteile gewinnen, sofern es gelingt, flexiblere und tatsächlich „intelligentere“ Lösungen zu entwickeln. Dazu wird es wesentlich sein, noch mehr Daten – sowohl seitens der Kunden wie auch hinsichtlich der Märkte – zu integrieren und zu nutzen. Auch Daten aus Social Media dürften da künftig eine stärkere Rolle spielen.

Zuletzt sollten sich Robo-Advisor auch auf einen „neuen“ Wettbewerber einstellen: Der menschliche Berater wird nicht kampflos das Feld räumen und seinerseits „aufrüsten“, z. B. durch digitale Assistenten und neue Formen der Kommunikation. Der Hype um „Robo-Berater“ könnte durchaus in naher Zukunft durch einen „holografischen Berater“ o. ä. abgelöst werden.

24. Juli 2017

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Marco Feiten

Marco Feiten

Marco Feiten (Jahrgang 1978) ist Managing Director bei der in Luxemburg ansässigen CURE S.A., die Web & Social Media Intelligence und Marketing Lösungen anbietet. Der gelernte Bankkaufmann arbeitete nach seinem BWL-Studium zunächst bei einem mittelständischen Vermögensverwalter im Raum Stuttgart in der Geschäftsleitung und im Portfoliomanagement. Danach war er als Business Development Manager für eine große Bank in Luxemburg tätig, wo er primär zur Expansion des internationalen Geschäfts beitrug.

2009 wechselte Marco Feiten zur neu gegründeten CURE S.A., wo er den Geschäftsbereich Web & Social Media Monitoring und Marketing federführend aufbaute. CURE S.A. betreut das Portal fondstrends.lu redaktionell.

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