Brexit – er ist da!

Die Briten haben abgestimmt und vor allem die ländlichen Regionen Englands haben den Ausschlag gegeben und das britische Königreich aus der EU herausgewählt. Sobald Großbritannien den Austrittsantrag gestellt hat, beginnen die Austrittsverhandlungen zwischen London und Brüssel, die sich bis zu zwei Jahren hinziehen können.

Dies wird in Großbritannien zu politischen Unsicherheiten und Instabilitäten führen. Konsum- und Investitionsentscheidungen dürften darunter leiden. Eine konjunkturelle Verlangsamung, sogar eine technische Rezession, ist nicht unwahrscheinlich. Allerdings sorgt die Pfundabschwächung auch für gegenläufige Tendenzen und wird nach einem ersten Schock wieder Investitionen aus dem Ausland anlocken.

Der Brexit kommt zu einer unpassenden Zeit. Kaum hat sich die Konjunkturdynamik in Europa im ersten Quartal beschleunigt, kommt ein dämpfendes Element hinzu. Der Unsicherheitsschock wird insgesamt Wachstum kosten, nicht nur in Großbritannien, sondern auch im Rest Europas. Wie viel, kann aber nicht verlässlich prognostiziert werden. Die Reaktion der Kapitalmärkte war eindeutig, unter anderem mit einer massiven Abschwächung der britischen Währung auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Auch alle anderen Risikoassets, also insbesondere Aktien, Peripherieanleihen und Unternehmensanleihen, wurden in Mitleidenschaft gezogen. Am stärksten fielen britische Bankaktien.

Britisches Pfund stürzt ab

Spannend wird sein, wie Großbritannien nun seine Handelsbeziehungen neu sortiert. Obsiegen protektionistische Tendenzen – was keinen Sinn machen würde – oder, was wahrscheinlicher ist, verfolgt London ein Modell wie es die Schweiz oder Norwegen haben? Der Anteil der Exporte von europäischen Unternehmen nach Großbritannien beträgt 11%. Zu beachten ist, dass alle Partner – auch die EU – aus wirtschaftlichen Gründen kein Interesse an einem zu protektionistischen Gebilde haben. Im Verhandlungsprozess wird sich sicherlich zeigen, dass negative Implikationen auch auf der politischen Ebene liegen und sich die konjunkturellen Negativeffekte im Zeitablauf verflüchtigen. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer europäischen Desintegration bis hin zum Zerfall der Währungsunion.

Protektionismus als Konsequenz?

Bewusst haben wir die politischen Auswirkungen hier außen vor gelassen. Diese können sehr nachhaltig sein und große Veränderungen auf der europäischen Landkarte bedeuten. Die ökonomischen Auswirkungen solcher politischen Veränderungen sind nicht wirklich absehbar, werden aber Europa und europäischen Aktien definitiv zunächst schaden. Wie weit der Boden ausgetestet werden kann, lässt sich möglicherweise über Bewertungen ableiten. Nimmt man ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den englischen Aktienmarkt von 12 an, was einem Abschlag von 20% vom normalen KGV bedeutet, und berücksichtigt gleichzeitig die Unterstützung für die Unternehmensgewinne durch das leichtere Pfund, so würde sich ein Niveau von 5.500 für den britischen FTSE100 ableiten. Derzeitiger Stand ist bei 6.670 (Stand: 19.07.2016). Ähnliche Abschläge zwischen 5 und 10% würden daraus abgeleitet auch für die europäischen Märkte gelten.

Gewinner und Verlierer

Es gibt rund um den Brexit Gewinner und Verlierer. In einer ersten Reaktion verloren die Peripherie-Aktienmärkte am stärksten und die amerikanischen Märkte am wenigsten. So wird es auch bei einzelnen Unternehmen sein. Solche Gesellschaften aus der Eurozone, die einen hohen Exportanteil in Regionen außerhalb Großbritanniens oder ein Geschäftsmodell mit einem stabilen Cash-Flow in ihrem Heimatmarkt haben, werden profitieren. Genauso wie Unternehmen mit einem starken Exportanteil nach UK oder einem hohen Konsumanteil in UK eher leiden werden.

28. Juli 2016

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Autor

Reinhard Pfingsten

Reinhard Pfingsten

Reinhard Pfingsten ist seit 2012 Chief Investment Officer bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers. Vom Standort Frankfurt aus verantwortet er die Vermögensverwaltung des Privat- und Unternehmerkundengeschäfts sowie das Asset Management für Institutionelle Kunden und Publikumsfonds. Zuvor leitete er bei Sal. Oppenheim das Portfoliomanagement im Bereich Private Banking und war bei der Commerzbank und bei der Deka-Bank in leitenden Stellungen tätig. Seine Karriere startete er bei der Allianz.

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