Eigentor mit Folgen: kein eindeutiger Gewinner nach Brexit-Referendum

Bei der Fußball-Europameisterschaft gibt es mit Portugal einen klaren Sieger. Bei den europäischen Aktienmärkten ist der Spielausgang hingegen offen. Der angekündigte „Turnierausstieg“ von Großbritannien wird noch weitere Unsicherheiten nach sich ziehen.

Jetzt ist eine defensive Aufstellung mit international tätigen und erfahrenen Teilnehmern gefragt, meint Ufuk Boydak, Vorstandsmitglied der LOYS AG und Fondsmanager des LOYS Europa System. Spielentscheidend könnte die Zinsseite werden.

Wenn ein Favorit aus einem Turnier ausscheidet, sorgt das immer für Aufsehen. Die Gewinnchancen der übrigen Topmannschaften steigen – und vielleicht rückt auch ein Player aus der zweiten Reihe in den Blickpunkt. Anders bei dem durch das britische Referendum angekündigten Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU): Dieser hat europaweit zunächst für Verunsicherung gesorgt und Unsicherheit ist genau das, was die Aktienmärkte nicht mögen. Der Blick auf die US-Arbeitsmarktdaten mutet vorerst positiv an. Damit schließt sich die Frage an, wie robust die US-amerikanische Wirtschaft ist.

Allerdings kann man noch nicht sagen, welche Auswirkungen der Brexit langfristig auf die Finanzmärkte haben wird. Die Frage nach der richtigen Positionierung in Europa lässt sich aktuell ebenfalls nur schwer beantworten. Aber auch beim Blick über den Atlantik wird es immer unwahrscheinlicher, dass die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen in absehbarer Zeit erhöht. Zudem versuchen die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England die Auswirkungen ihrer geldpolitischen Maßnahmen möglichst gering zu halten.

Müssen Anleger einen Öxit und Frexit befürchten?

Die Entwicklung auf den Finanzmärkten hängt aktuell insbesondere von politischen Entscheidungen ab. Der Ausgang der Wahlen in Österreich, Frankreich und Italien dürfte Impulse geben. Sollte es zu einer Kettenreaktion kommen, bei der immer mehr EU-Staaten von der Idee eines eigenen Referendums angesteckt werden, dürfte die Unruhe an den Finanzmärkten andauern.

Zwar haben sich die europäischen Konjunkturdaten im Vorfeld des Referendums leicht gebessert, dem Konsumentenvertrauen kommt allerdings eine größere Bedeutung zu. Trübt sich dieses Vertrauen ein, werden größere Investitionen eher zurückgestellt. Das ist für den Binnenmarkt schädlich und belastet insbesondere Konsumartikelhersteller.

Es bleibt folglich abzuwarten, welche Länder künftig von dem politischen Spiel in der EU profitieren werden. In jedem Fall scheint das Referendum auch ein Signal an die handelnden Personen zu sein, Bürokratie abzubauen und Abstimmungsprozesse zu vereinfachen. Davon würde der europaweite Handel profitieren.

Einfluss des schwachen Pfunds auf die übrigen Währungen der EU

Auf der Währungsseite beobachten wir einerseits, dass das Britische Pfund seit der Brexit-Entscheidung kontinuierlich an Wert verloren hat. Andererseits beflügelt die schwache Währung wiederum solche Unternehmen, die hohe Kosten und wenig Umsatz in Pfund generieren, wie die steigenden Kurse im FTSE 100 Index aktuell belegen.

Hinzu kommt, dass eine gewisse Inflation eintreten dürfte, weil die Insel am Import bestimmter Produkte nicht vorbeikommt. Schließlich ist die Industrieproduktion in England im Vergleich zu den großen Staaten in der Eurozone vergleichsweise gering.

Panik auf dem Spielfeld nicht angebracht

Vor dem Hintergrund des beschriebenen Szenarios sind Unternehmen, die vom Brexit nicht oder nur geringfügig betroffen sind, für Anleger am spannendsten. Dies betrifft insbesondere solche Konzerne, die relativ wenig Umsatz in Großbritannien erwirtschaften.

Insgesamt sind Unternehmen gefragt, die sowohl über ein langfristig erprobtes Geschäftsmodell verfügen, als auch eine stabile Ertragslage vorweisen. Zudem ist eine gute Bilanz von Vorteil, sodass das Unternehmen erst gar nicht in Schieflage geraten kann. Solche Unternehmen finden sich aktuell vermehrt in Europa und den USA, wobei der europäische Aktienmarkt eine günstigere Bewertung aufweist.

Im Prinzip ist diese Situation ein guter Zeitpunkt für Antizykliker. Antizyklisches Handeln heißt dabei jedoch nicht, dass momentan alle Werte, die im Zuge des Referendums gefallen sind, auch Kaufgelegenheiten darstellen. Stattdessen sind nur solche Titel sinnvolle Kaufchancen, die zu Unrecht abgestraft wurden.

Kein eindeutiger Gewinner auf dem europäischen Finanzparkett

Bis sich der Nebel lichtet, ist eine defensive Haltung ratsam. Dabei gilt mehr denn je, einen kühlen Kopf zu bewahren und die weitere Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Radikale Verschiebungen in den Portfolios scheinen deshalb nicht notwendig zu sein, denn Volatilität gehört an den Aktienmärkten dazu. Ebenso kann es in dieser Situation freilich kein perfektes Timing geben – gerade jetzt kommt dem Stockpicking eine wichtige Bedeutung zu.

Gefahr droht allerdings von der Zinsseite: Viele Marktteilnehmer fliehen in die vermeintlich sichere Rentenanlage und nehmen sogar Negativzinsen in Kauf, weil sie in unruhigen Zeiten in vermeintlich stabilen Anleihemärkten sichere Häfen vermuten. Sowohl Japan als auch Deutschland und die Schweiz sind auf absoluten Tiefstständen angelangt. Dementsprechend ist auch die Duration in den Rentenportfolien sehr hoch. Bei steigenden Zinsen würden auch die Aktienmärkte fallen. Hier liegt die größte Herausforderung für die Zukunft.

Vor diesem Hintergrund lässt sich aus heutiger Sicht kein eindeutiger Gewinner auf dem europäischen Finanzparkett ausmachen. Vielmehr werden einzelne Unternehmen, die schon heute international aufgestellt sind und ihre Kosten im Euroraum erwirtschaften, von dem schwachen Pfund profitieren. Dazu finden sich auch in anderen europäischen Ländern Unternehmen, die im Zuge des Referendums gefallen sind, obwohl sie nicht direkt betroffen sind und genau dort lauern die Chancen.

25. Juli 2016

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Autor

Ufuk Boydak

Ufuk Boydak ist seit Januar 2015 Vorstand und Teilhaber der Aktienfondsboutique LOYS AG. Im Jahr 2009 begann Boydak seine Karriere als Analyst bei LOYS. Ab 2013 ist Ufuk Boydak für das Management des LOYS Global System verantwortlich. Seit 2014 verwaltet er zudem den LOYS Europa System und seit 2015 den LOYS Global L/S.

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