Blockchain in der Finanzbranche: Hype oder Revolution?

Es gibt einige Schlagworte, die 2017 im Anlagebereich immer wieder die Runde machen: Dazu gehören maschinelles Lernen, Robo-Beratung und künstliche Intelligenz. Während die Technologie als solche bereits in ähnlicher Form genutzt wird, sind die vorstellbaren Anwendungsgebiete äußerst vielversprechend. Künstliche Intelligenz ist nichts Neues; die zugrundeliegende Theorie wird etwa zur Lösung symbolischer Gleichungen eingesetzt. Durch maschinelles Lernen in neuronalen Netzwerken oder Entscheidungsbäumen können seit mehr als einem Jahrzehnt Anlageentscheidungen automatisiert getroffen werden. Die Blockchain-Technologie könnte hingegen eine echte Revolution in der Finanzdienstleistungsbranche auslösen. Bei Blockchain denken die meisten an die Kryptowährung Bitcoin und an deren volatile Entwicklung. Doch Blockchain bietet noch ganze andere Chancen und könnte vor allem die Welt der Finanzdienstleistungen verändern.

„Die Integration der Blockchain-Technologie in bestimmten Segmenten des Bankgeschäfts dürfte erhebliche Effizienzsteigerungen in der Branche nach sich ziehen und die Kostenbasis senken.“

Nicolas Roth

Blockchain bietet direkten Zugang

Blockchain ist ein Verfahren, das in verteilten Systemen Anwendung findet – im Gegensatz zu zentralen Systemen. Anders als bei Systemen, bei denen Intermediäre eingesetzt werden, hat bei einer Blockchain jeder Teilnehmer Zugang zur gesamten Datenbank und ihrem Verlauf. Niemand hat die alleinige Kontrolle über die Daten. Alle Transaktionen erfolgen zwischen den Benutzern, ohne dass es der Intervention einer dritten Instanz bedarf. Außerdem wird jede Transaktion gespeichert und an alle Blöcke im System weitergeleitet. In der Datenbank oder Datenkette gespeicherte Informationen lassen sich nicht überschreiben oder löschen, sodass erfolgte Transaktionen von allen Benutzern gesehen, aber von keinem Benutzer verändert werden können. Damit eine Blockchain funktioniert, sind Miner erforderlich. Hierbei handelt es sich um ein Netzwerk von Computern, die ihre Rechenkapazität zur Verfügung stellen, um Transaktionen zu validieren und neue Blöcke zu schaffen. Hierfür erhalten sie wiederum einen Betrag in der Kryptowährung ihrer jeweiligen Blockchain. Bei der Blockchain geht es letztlich darum, Transaktionen ohne Zwischenschaltung von Intermediären zu ermöglichen. Die meisten Transaktionen und Verträge im Finanzdienstleistungssektor und auch in anderen Branchen werden mit Hilfe von Drittparteien abgewickelt. Bei der Blockchain-Technologie müssen keine Intermediäre zwischengeschaltet, da die Transaktionen innerhalb des Systems validiert und gespeichert werden. Dabei wird auch der Transaktionszeitpunkt erfasst.

Bei einer typischen Finanztransaktion vereinbaren der Käufer und der Verkäufer die Zahlung eines bestimmten Preises zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen bestimmten Vermögenswert. Allerdings sind die Banken beider Parteien, Makler, Verwahrstellen und ein Clearinghaus beteiligt, die jeweils untereinander kommunizieren, und dies meistens auf altmodische Weise, mitunter per Telefax, was die Transaktionsabwicklung langwierig und ineffizient macht. Durch die Blockchain-Technologie können einige dieser Ineffizienzen beseitigt werden. Außerdem sorgt sie dafür, dass alle Parteien über die gleiche Datenbank kommunizieren, in der alle Informationen enthalten sind.

Akzeptanz von Bitcoin nimmt weltweit zu

Das Zahlungssystem Bitcoin ist die erste Blockchain, die jemals entwickelt wurde. Das Ziel bestand in der Schaffung einer virtuellen Währung, die nicht von einer Zentralbank kontrolliert wird. Die negative Berichterstattung über Bitcoin ist vor allem auf den Einsatz der Währung auf dem Darknet-Markt Silk Road zurückzuführen, wo man Waffen, Drogen oder sogar Exploits von Hackern kaufen und mit Bitcoins bezahlen konnte. Die Akzeptanz der Kryptowährung hat inzwischen weltweit zugenommen. So kann man seit Kurzem bei mehreren japanischen Einzelhandelsgeschäften und der japanischen Billigfluglinie Peach mit Bitcoins bezahlen.

Bitcoin ist allerdings nicht die einzige Blockchain. Das Zahlungssystem unterliegt aufgrund seiner Architektur zudem gewissen Beschränkungen. Es bestehen aufgrund der Konstruktion quantitative Beschränkungen: Die Validierung einer Transaktion innerhalb des Netzwerks dauert bis zu zehn Minuten und die Größe der Blöcke ist begrenzt. Diese konstruktionsbedingten Beschränkungen haben Wettbewerber auf den Plan gerufen. Blythe Masters, ehemals Global Head of Commodities von JP Morgan und mutmaßliche Erfinderin des Finanzderivats Credit Default Swap, leitet nun das Unternehmen Digital Assets Holdings. Es ist im Bereich der Blockchain-Technologie tätig und zählt zum Beispiel die Australian Stock Exchange zu seinen Kunden. Das von Masters geführte Unternehmen will bis Ende 2017 ein Projekt zur Verbesserung der Abwicklungsprozesse der Börse mittels Blockchain-Technologie abschließen.

System Ethereum als Alternative

Zuletzt beherrschte das System Ethereum weltweit die Schlagzeilen. Ethereum basiert auf ähnlichen Prinzipien wie Bitcoin, weist aber einige signifikante Unterschiede auf. Ohne in technische Details zu gehen: Neue Blöcke können innerhalb von zwölf Sekunden validiert werden, verglichen mit zehn Minuten bei Bitcoin. Bei dem internen Code handelt es sich um eine Turing-vollständige Sprache, sodass alles kodiert werden kann. Bitcoin unterstützt hingegen keine „If-Schleifen“, die die Basis für jedes Turing-vollständige System bilden. Und schließlich sind Bitcoins binär: Sie werden entweder ausgegeben oder gekauft. Es gibt keinen anderen Zustand. Dadurch ist das System Bitcoin aufgrund seiner Konstruktion äußerst eingeschränkt. Dem begegnet Ethereum durch die Ausführung von Smart Contracts, die eine Vielzahl von Zuständen annehmen können.

Es überrascht daher nicht, dass Ethereum großes Interesse bei Finanz- und Industrieunternehmen wie JP Morgan, Cisco, Accenture oder dem spanischen Kreditinstitut Santander geweckt hat. Derzeit arbeiten Banken in einer Gruppe namens Enterprise Ethereum Alliance zusammen. Ziel ist, die Ethereum-Technologie für die Entwicklung privater Blockchains zu nutzen, die für ihre spezifischen Zwecke geeignet sind. Bank of America steht vor der Einführung einer Blockchain zur Vereinfachung der Prozesse rund um Akkreditive. Hierzu müssen diese juristischen Dokumente in Smart Contracts für alle Beteiligten überführt werden. JP Morgan ist für die Entwicklung von Datenschutz-Protokollen innerhalb des Netzwerks über die Quorum-Plattform des Unternehmens verantwortlich, welche die Technologie und Philosophie von Ethereum nutzt. Darüber hinaus hat Goldman Sachs ein Patent für eine Blockchain-Technologie für das Clearing von OTC-Devisentransaktionen eingereicht. Die Begeisterung für Blockchain geht weit über Finanzdienstleistungen hinaus. Konzepte wie Airbnb könnten schnell durch ein ähnliches System ersetzt werden, das Smart Contracts verwendet. Dann würde der Vermittler – in diesem Fall Airbnb – wegfallen, und Angebot und Nachfrage würden direkt über ein sicheres Netzwerk zusammengeführt. Sogar die Vereinten Nationen erwägen die Nutzung der Technologie, um finanzielle Mittel einfacher und sicherer zu verteilen.

Die Banken sind einem hohen Druck durch die Regulierungsbehörden ausgesetzt, was letztlich zu höheren Kosten führt. Die Integration der Blockchain-Technologie in bestimmten Segmenten des Bankgeschäfts dürfte erhebliche Effizienzsteigerungen in der Branche nach sich ziehen und die Kostenbasis senken. Banken sollten mutig sein und die Blockchain-Technologie als Chance nutzen, ihre Geschäftsmodelle neu auszurichten. Wall-Street-Riesen investieren bereits Zeit und Geld. Doch auch kleinere und flexiblere Banken sollten die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Prozesse anzupassen und die Entwicklung zur Bank 2.0 zu vollziehen.

03. Juli 2017

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Siehe auch Nicolas‘ Interview auf Französisch über Fake News:
http://www.reyl.com/groupe/interviews.html

Autor

Nicolas Roth

Nicolas Roth ist Co-Manager des Fonds Reyl Resurgence. Gemeinsam mit dem Fondsmanager ist er ferner für Research, Einzeltitelauswahl und Anlageberatung für alternative Fonds bei REYL & CIE zuständig. Von 2002 bis 2008 arbeitete Nicolas Roth bei HBK Investments Advisory und Standard Chartered Bank, wo er für Analyse (quantitative Strategien, Credit-Arbitrage und Fixed Income) und Risk Management für Vermögenswerte von über 1 Milliarde Dollar zuständig war. Im August 2009 kam er zur REYL-Gruppe. Nicolas Roth besitzt einen Abschluss in quantitativen Wirtschaftswissenschaften (Universität Genf, 2000) und ein DEA in Ökonometrie (Universität Genf, 2002).

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