Blockchain, Robotic Process Automation & Co. - Hype oder disruptive Technologie?

„If you don’t cannibalize yourself, someone else will.“ (Steve Jobs)

Das Zitat von Steve Jobs zeigt sehr eindringlich den Charakter einer disruptiven Technologie nach dem darwinistischen Grundgedanken: „Nicht die Stärksten überleben, sondern die, die sich am schnellsten anpassen können.“

Doch was ist eine disruptive Technologie?

Eine disruptive Technologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung schneller als sonst weiterentwickelt oder gar vollständig verdrängt. Nicht selten werden hierdurch gerade führende Marktteilnehmer oder ganze Märkte abgelöst. Die Frage ist nur, wie ein etabliertes Unternehmen frühzeitig eine disruptive Technologie in Abgrenzung zu kurzweiligen Hypes erkennt? Die Informationsflut ist immens und es vergeht kein Tag, an dem nicht in den gängigen Medien über disruptive Technologien – wenn auch nicht stets unter dieser Terminologie – geschrieben wird. Hinzu kommt, dass disruptive Technologien in der Anfangsphase häufig etablierten Produkten unterlegen sind und somit in dieser Phase oft unterschätzt werden.

Ein Unternehmen, das beispielsweise digitalisieren will um seinen Kunden zukünftig neue Dienstleistungen anbieten oder gar effizienter arbeiten zu können, steht vor der Herkulesaufgabe sich mit der Vielzahl von neuen Technologien und Möglichkeiten beschäftigen zu müssen. Hier besteht häufig die Gefahr auf die falsche Technologie zu setzen. Zum einen weil der erhöhte Digitalisierungsdruck zu einer vorschnellen Entscheidung führen kann und zum anderen, weil viele öffentliche Beiträge in den Medien eine eher positive Einstellung zu der jeweiligen Technologie einnehmen. Der tatsächliche Nutzen einer disruptiven Technologie sowie auch damit einhergehende Risiken werden dabei des Öfteren vernachlässigt.

„Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.“

Werner von Siemens

Bei der Vielzahl der technischen Möglichkeiten die heute einem Unternehmen zur Verfügung stehen, sollte der ganz konkrete Anwendungsfall für das jeweilige Unternehmen unabhängig von Hypes vor Umsetzungsbeginn kritisch überprüft werden, um am Ende die gewünschten Effekte wie Ertrags- und Effizienzsteigerung oder Qualitätsverbesserung tatsächlich zu erzielen.

Das Ganze möchten wir Ihnen anhand der vielversprechenden Technologien der Robotic Process Automation (RPA) und Blockchain erläutern. Für beide wird in der Finanzindustrie ein disruptives Potenzial gesehen, welches dennoch von einem Finanzdienstleistungsunternehmen unterschiedlich betrachtet werden muss.

Bei der RPA handelt es sich um eine Software, durch die bestimmte Geschäftsprozesse automatisiert werden. Als digitaler Roboter greift die Software auf das User Interface der bestehenden IT-Applikation zu und führt die Aufgaben der Mitarbeiter aus, die diese sonst manuell ausgeführt hätten. Richtig genutzt, ist RPA im Vergleich zur menschlichen Arbeitskraft kostengünstiger, schneller, flexibler, weist eine geringere Fehlerquote und eine automatische Dokumentation auf und ist zudem 24 Stunden an 365 Tagen einsetzbar. Wesentlicher Vorteil gegenüber anderen Technologien ist, dass RPA an das vorhandene IT-System anknüpft und dadurch die unter Umständen über Jahrzehnte gewachsene IT-Landschaft des Unternehmens nicht geändert werden muss. Das bringt den weiteren Vorteil einer kurzen und vergleichsweise kostengünstigen Implementierung mit sich. Den Nutzen der Automatisierung mittels RPA Technologie kann ein Unternehmen für sich in Anspruch nehmen, wenn es repetitive und manuelle Prozesse hat, die mittels Regeln abgebildet werden können. Das kann u. a. das Eingeben, Kopieren oder Speichern von Daten sein. Wichtig ist, dass die Informationen aus strukturierten und digitalisierten Dokumenten stammen, damit diese von dem digitalen Roboter gelesen und verarbeitet werden können.

Ob RPA für ein Unternehmen in Frage kommt, kann von dem jeweiligen Unternehmen selbst beantwortet werden, indem es prüft, ob es über manuelle Arbeitsprozesse verfügt, welche den genannten Kriterien gerecht werden und dabei idealerweise mit einer höheren Stückzahl einhergehen. Ist dies der Fall, sollte man sich mit der RPA-Technologie näher beschäftigen und diese je nach weiteren Erkenntnissen auch umsetzen, um Medienbrüchen in der alltäglichen Arbeit (digitale Informationen werden manuell überprüft, übertragen usw.) zu vermeiden. Bei der Umsetzung von RPA sollte ein Unternehmen in die Überlegung einbeziehen, ob eine Anpassung der Schnittstellen oder des Arbeitsablaufes zu einer besseren Standardisierung führen könnte. Unter Umständen kann es je nach Anwendung sinnvoll sein ein sogenanntes Front-End Tool zu implementieren, in dem die wesentlichen Informationen für die Arbeit des digitalen Roboters zusammenlaufen. Hierbei gilt jedoch stets: Je besser der Grad der Standardisierung, desto besser die Automatisierung. Ferner spielt die Auslastungsplanung der Roboter eine entscheidende Rolle, welche vorab sorgfältig durchdacht werden muss. Dies kann sich gerade bei kleineren Unternehmen mit wenig standardisierten Prozessen als Herausforderung erweisen. Zudem ist es wichtig, dass im Unternehmen RPA-Know-how aufgebaut wird, um später auch selbstständig kleinere Prozessänderungen, wie etwa im Falle von neuen regulatorischen Anforderungen, vornehmen zu können.

Die aktuelle Marktentwicklung als wichtiger Indikator zeigt, dass die Finanzindustrie das Potenzial der neuen Technologie für sich erkannt hat und zunehmend insbesondere in den Bereichen Bankbetrieb oder Finanzen RPA erfolgreich implementiert hat. Disruptiven Charakter hat die Technologie insbesondere dann, wenn sie mit Instrumenten der künstlichen Intelligenz (KI) wie Machine Learning oder Natural Language Generation verknüpft wird. Hierdurch kann das Anwendungsgebiet erheblich erweitert werden hin zu Arbeitsabläufen, bei welchen es der selbstständigen Ermittlung von fehlenden Daten oder der Verarbeitung von unstrukturierten Daten bedarf oder bei welchen eine vom Kontext abhängige Fallunterscheidung erforderlich ist. Ein weiterer Vorteil dieser Ausbaustufe – bezeichnet als „Intelligent Process Automation (IPA)“ – ist die selbstständige Optimierung von Arbeitsabläufen wie etwa die Reduktion von potentiell auftretenden Warteschleifen oder das eigenständige Erkennen von Prozessmustern.

Die zweite bereits einleitend genannte potenzielle disruptive Technologie ist die Blockchain. Den ersten größeren Durchbruch hatte die Blockchain-Technologie 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise als sie der Implementierung von Bitcoin diente, einer digitalen Währung, die losgelöst jeglicher Kontrolle durch Zentralbanken als sicheres Zahlungsmittel fungieren sollte. Doch das Anwendungsgebiet der Blockchain Technologie ist weitaus vielfältiger. Die Hauptfunktion der Blockchain zielt auf die Ausschaltung eines Intermediäres ab (z. B. Banken) einhergehend mit einer Kosten- und/oder Zeiteinsparung bei Transaktionen. Die Sicherheit der Transaktionen – insbesondere im Hinblick auf das Problem des „double spending“ – erfolgt bei der Blockchain dann nicht mehr durch den Intermediär als zentrale Überwachungspartei, sondern durch die Teilnehmer der Blockchain selbst. Da jede Transaktion auf einem Block geschrieben wird, der jedem Teilnehmer dezentral zur Verfügung steht, ist jedem Teilnehmer die Transaktion bekannt. Sofern der Block nach einem erfolgreichen Validierungsprozess durch einen kryptografischen Mechanismus an den vorangegangenen Block angefügt wird, ist ein Missbrauch der Theorie nach nahezu ausgeschlossen. Denn ein Missbrauch hat zwei Prämissen: Zum einen kostet es erheblichen Aufwand den kryptografischen Schutzmechanismus zu durchbrechen. Zum anderen würde jeder Teilnehmer von der Manipulation erfahren, da jeder Teilnehmer des dezentralen Netzwerkes die ursprüngliche Transaktion vorliegen hat und nunmehr die Änderung wahrnimmt.

Das disruptive Potenzial der Blockchain für den Finanzsektor ist enorm. Nicht auszudenken, wenn eine Blockchain in der Zahlungsabwicklung oder im Wertpapierhandel Einzug hält. So weit ist es allerdings (bei Weitem) noch nicht. Insbesondere die noch mangelnde Skalierbarkeit, der immense Speicherplatzbedarf als auch regulatorische, vertragliche und datenschutzrechtliche Hürden stehen vielen Anwendungen der Blockchain noch entgegen. In Anbetracht der noch fehlenden Marktreife fällt es Unternehmen oft schwer, konkrete Anwendungsfälle zu finden, welche einen wirklichen Mehrwert zum Status Quo stiften. Nicht selten wird die Technologie so aktuell auch für Marketing oder als rein internes Speichermedium zweckentfremdet. Der Schlüssel des Erfolgs zur wirklichen Erschließung des Potenzials von Blockchain liegt unseres Erachtens in der industrieweiten Zusammenarbeit von mehreren Marktteilnehmern – etwa in Form von Konsortien.

 

Fazit

  • Die Digitalisierung hat in der Finanzbranche zweifellos einen grundlegenden Wandel ausgelöst.
  • RPA und Blockchain haben aus Sicht der Finanzindustrie disruptives Potenzial, unterscheiden sich in ihrem Reifegrad jedoch gravierend.
  • RPA ist eine Technologie, für die es bereits sehr konkrete Anwendungsfälle gibt und die man relativ „minimalinvasiv“ in die Arbeitsprozesse eines Unternehmens integrieren kann.
  • Das disruptive Potenzial von RPA wird durch die künftigen Erweiterungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz erhöht.
  • Blockchain steht im Gegensatz zu RPA noch in einem Anfangsstadium.
  • Die fehlende Marktreife – insbesondere die mangelnde Skalierbarkeit und regulatorische Hürden – erschweren die konkrete Anwendung der Blockchain-Technologie in der Praxis.
  • Um nicht dem grundsätzlichen Hype zu verfallen, gilt es konsequent den konkreten Anwendungsfall und die Vorteile im Vergleich zum Status quo herauszuarbeiten.

 

14. Mai 2018

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Autor

Madeleine Sander

Madeleine Sander leitet seit 2017 den Bereich Corporate Development bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG. In dieser Funktion verantwortet sie neben dem Strategieentwicklungsprozess und der strategischen Planung, die Identifikation und Bewertung von Wachstumschancen und Innovationen in enger Zusammenarbeit mit den Geschäftsbereichen. Vor ihrer Zeit bei Hauck & Aufhäuser war sie über sechs Jahr bei der Deutschen Bank in der Konzernstrategieabteilung (AfK) sowie im Inhouse Consulting tätig. Ihre Karriere startete die diplomierte Mathematikerin in der DekaBank als Business Managerin im Bereich Corporates & Markets.

Autor

Robert Guzialowski

Robert Guzialowski ist Rechtsanwalt und im Bereich Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG tätig. Neben Vertrieb und Kundenmanagement der AIF-Verwahrstelle begleitet er die KVGen von der Aufnahme der Geschäftsbeziehung über das Onboarding bis hin zu den Fonds-Transaktionen.

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