Digitalisierte Arbeitswelt

Die analoge Welt der Vergangenheit ist im Wandel – Digitalisierung gilt als neuer Megatrend. Dabei wird der Terminus „Digitalisierung“ vor allem in zweierlei Kontext verwendet.

Zum einen geht es um digitale Daten, deren Umwandlung und Darstellung sowie die digitale Weiterentwicklung, das digitale „Aufrüsten“ von Instrumenten und Geräten. Zum anderen ist die digitale Revolution ein viel diskutiertes Thema, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung betrifft, begleitet von Schlagwörtern wie „digitale Wende“ oder „Computerisierung“.

Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren zu vielfachen, grundlegenden Veränderungen im Wirtschaftsleben geführt, wie zur Vereinfachung von Kopier- und Distributionsmöglichkeiten von Inhalten, zur Verschmelzung von Virtualität und Realität und schließlich zu einer Neugestaltung der Arbeitswelt. Viele Unternehmen und Branchen wurden zu rigorosen Einschnitten und Anpassungsprozessen gezwungen – um beispielsweise gegenüber neuen Playern, die für ihr Unternehmen keine eigenen Gerätschaften, Fahrzeuge oder Immobilien benötigen, konkurrenzfähig zu bleiben. Als Beispiele für die – bedingt durch die Digitalisierung – neuen Rahmenbedingungen in der Wirtschaft seien der Aufstieg der sozialen Netzwerke sowie der Trend zu Automatisierung/Robotik einerseits und Künstlicher Intelligenz andererseits genannt.

Die Aspekte der Veränderung durch die Digitalisierung sind vielschichtig. Unternehmen, die hinter sozialen Netzwerken stehen, erstellen keine oder nur in geringem Ausmaß eigene Inhalte. Der von den Usern generierte Content wird analysiert und zur – für Werbezwecke verwendeten – Personalisierung genutzt. Hinter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ stehen eine fortschreitende Roboterisierung, automatisierte Prozessketten und das „Internet der Dinge“. Schließlich erlauben Big Data und Künstliche Intelligenz aktuelle und detaillierte Analysen in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

EINE NEUE ARBEITSWELT

Die Arbeitswelt wird immer digitaler und globaler, sie hat bereits einen dynamischen Wandel hinter sich und wahrscheinlich einen noch dynamischeren vor sich. Zu den zuletzt auch der Corona-Pandemie geschuldeten wesentlichen Änderungen der vergangenen Monate und Jahre zählen nicht nur massive Steigerungen bei E-Commerce, kontaktlosem Bezahlen und Essenszustellungen nach Hause, sondern auch viele Aspekte der täglichen Arbeit, des täglichen Agierens auf geschäftlicher Ebene. Das oft zitierte und postulierte papierlose Büro scheint immer mehr Wirklichkeit zu werden, es eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten einer Zusammenarbeit „auf Distanz“.

INDIVIDUELLE ARBEITSEINTEILUNG

Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt zur verstärkten Möglichkeit einer individuellen Einteilung und Strukturierung der Arbeit. Diejenigen, die in der Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten sind, werden als „digitale Nomaden“ bezeichnet. Sie können von überall aus arbeiten und haben den Vorteil, nicht an stationäre Geräte gebunden zu sein. Aber für die meisten der täglich mit einem Computer arbeitenden Beschäftigten hat flexibles Arbeiten mittlerweile eine neue, wenngleich nicht derart ausgeprägte Dimension erreicht. Heimarbeit und Büroarbeit nebeneinander sind inzwischen auch von Seiten der Arbeitgeber immer mehr toleriert, teils sogar erwünscht. Man kann eine stete Weiterentwicklung weg von den klassischen Arbeitsmodellen, die bisher meist auf strikte Abläufe und Präsenzzeiten – man spricht oft von „9 to 5“-Jobs – gesetzt haben, beobachten.

HINDERNISSE BEI DER UMSETZBARKEIT VON HEIMARBEIT

Im Detail betrachtet gibt es einige Hindernisse bei der Umsetzbarkeit einer digitalen Arbeitswelt zuhause. Denn der Trend zu Homeoffice oder Homeworking hat vielfältigste Aspekte, und nicht für alle Berufstätigen besteht überhaupt die Möglichkeit zur Heimarbeit. Unter dem finanziellen und damit sozialen Gesichtspunkt sind die Leistbarkeit von Raum und Equipment sowie die notwendige Ungestörtheit wesentliche Themen. Es stellt sich die Frage, ob der notwendige Raum für den Arbeitsplatz überhaupt vorhanden ist und wie die letztendlich zu großen Teilen vom Arbeitnehmer bzw. von der Arbeitnehmerin zu finanzierende technische Ausstattung ausgestaltet ist, die ein effizientes Arbeiten zuhause überhaupt erst möglich macht. Zudem sind Ablenkungen durch Familie und Mitbewohner zum Teil schwer in den Griff zu bekommende Probleme.

VORTEILE UND CHANCEN

Zu den großen Vorteilen der Digitalisierung zählt zunächst die erhöhte Flexibilisierung, die nicht nur die Arbeitszeiten und das örtliche Umfeld, sondern den gesamten Arbeitsablauf betrifft. Diese neue Umfeld-Situation kann zu besserer Motivation und zu einer Steigerung der Kreativität führen. Durch den Wegfall von Arbeitswegen ergibt sich eine mitunter deutliche Zeitersparnis, das Einsparen der Fahrzeit zum Arbeitsplatz bedeutet ein Mehr an Freizeit. Die vermehrte Anwesenheit zuhause und die Zeitersparnis können wiederum zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen.

SOZIALE FOLGEN

Mit der Digitalisierung wird die Arbeit dezentralisiert. Mitarbeitende erhalten die Chance, ihren Arbeitsalltag selbst zu bestimmen und zu gestalten, sie können nicht nur selbst festlegen, wann und wo sie arbeiten, sondern auch wie. Aber genau diese Entwicklung ist auch eine große Herausforderung an das eigene (Zeit-)Management.

Zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in Zusammenhang mit einem höheren Anteil an Homeworking zählt ein potenzieller Rückgang an sozialen Kontakten, da die Kommunikation teils erschwert ist oder aktiv gesucht werden muss. Damit verbunden ist das Risiko einer akzentuierten Vereinsamung. Dazu zählt auch der Effekt des „Cocoonings“, des Sich-Zurückziehens aus der Zivilgesellschaft in das häusliche Privatleben. Dieser Trend ist generell in als bedrohlich empfundenen Krisenzeiten verstärkt zu beobachten und wird durch die aktuelle Pandemie zusätzlich befeuert.

Das Auseinanderhalten von Arbeitszeit und Freizeit und die permanente Erreichbarkeit sind häufig vor allem für an Homeworking nicht gewöhnte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Herausforderung. Oft ist der Arbeitsalltag nur mangelhaft strukturiert. Das physische Verlassen des Arbeitsplatzes als Signal zur Beendigung der täglichen Arbeit fällt weg, ein psychologisch gefährliches Kontinuum stellt sich ein.

Der Aufbau einer Teamkultur wird durch ein hohes Ausmaß an Heimarbeit konterkariert. Die Teammitglieder müssen sich stärker um Kontakte bemühen, die bei einer gemeinsamen Präsenz im Büro automatisch gegeben wären.

EFFIZIENZ

Ein ohne physische Nähe zu der Kollegenschaft effizientes Arbeiten ist durch die verbesserten Möglichkeiten des externen Zugriffs auf Daten und Systeme mittlerweile sehr einfach geworden. Auch der Kommunikationsaspekt – verbal wie visuell – kann zumindest theoretisch bereits gut abgebildet werden. Die digitale Arbeitswelt unterstützt die bereits in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz zu flacheren Hierarchien, auch können sich bestehende Kompetenzprofile verändern.

IT-VERSTÄNDNIS

Voraussetzung für das effektive Arbeiten zuhause ist, neben dem Vorhandensein einer entsprechenden IT-Infrastruktur, das Verständnis der sich immer schneller weiterentwickelnden IT-technischen Systemlandschaft. IT-Schulungen haben in diesem Kontext einen noch höheren Stellenwert, vor allem Ältere sind mit den entsprechenden Skills auszustatten, um in der digitalisierten Arbeitswelt erfolgreich sein zu können. Dem für den extern Arbeitenden rund um die Uhr verfügbaren IT-Support kommt hohe Bedeutung zu.

ÖKOLOGISCHE ASPEKTE DER NEUEN ARBEITSWELT

Die technische Ausstattung zweier Arbeitsplätze für jeden Mitarbeiter birgt große ressourcentechnische Nachteile. Auf der anderen Seite hat der Wegfall der An- und Abreise zum Arbeitsplatz positive ökologische Aspekte. Vor allem der individuelle Straßenverkehr sollte durch den Trend zum Homeworking rückläufig sein.

Eine verbesserte IT-Landschaft, die bereits erwähnte Duplizierung der Arbeitsplätze, aber auch jede zusätzliche Datenspeicherung und jede Erhöhung der Serverkapazität bedeuten nicht nur einen immer größeren ökologischen Fußabdruck des technischen Equipments selbst, sondern auch immer höhere Aufwendungen an Energie. Dabei kann man zwischen dem Stromverbrauch der Datenzentren (Cloud), der Haushalte und Wirtschaft über Endgeräte und jenem des Internets unterscheiden. Vor allem der Energieverbrauch der Datenzentren ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Der IT-bezogene Stromverbrauch, also der gesamte Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), verursacht nach Schätzungen der französischen Non-Profit-Organisation „The Shift Project“[1] etwa 3,7 % aller Treibhausgasemissionen weltweit, die Steigerungsraten betragen aber rund 9 % jährlich gegenüber einem Gesamtwachstum des globalen Stromverbrauchs von mittel- bis langfristig erwarteten 3 %[2].

DIGITALISIERTE ARBEITSWELT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITS-DIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die fortschreitende Digitalisierung birgt zwar das Potenzial für die Effizienzsteigerung von Prozessen, andererseits wächst wachstumsbedingt der Energiebedarf der Informations- und Kommunikationstechnologien sprunghaft und bewegt sich deutlich über dem allgemeinen Wirtschaftswachstum.

S (Social)

Das Profitieren von der fortschreitenden Digitalisierung ist einerseits an eine geeignete IT-technische Ausstattung und andererseits an entsprechendes Know-how gebunden. Diese Kombination aus höhere Einkommensschichten bevorzugenden Faktoren kann soziale Ungleichheiten verstärken.

G (Governance)

Digitalisierung und Datensicherheit sind zwei eng miteinander verwobene Themen. Regeln und Initiativen zum Thema Datensicherheit können sowohl von Unternehmens- wie auch staatlicher Ebene kommen.

FAZIT

Für Raiffeisen Capital Management ist Digitalisierung ein wesentliches Zukunftsthema. Der Sektor IT ist in nachhaltigen Investments strukturell übergewichtet.

 

15. Oktober 2020

 

Der Text stammt von altii – alternative investor information, veröffentlicht am 29.09.2020.

guest
0 Comments
Autor

Wolfgang Pinner

Wolfgang Pinner ist seit 2013 Leiter Sustainable & Responsible Investments bei der Raiffeisen KAG. Seinen beruflichen Werdegang begann er 1988 bei der Erste Österreichische Sparkasse, wechselte später zur Investmentbank Austria und wurde 1999 Leiter Investor Relations bei der Bank Austria. 2001 knüpfte er als CIO bei der Vereinigten Pensionskasse (ab 2004 VBV) an, 2006 wurde er Geschäftsführer bei VINIS Gesellschaft für nachhaltigen Vermögensaufbau. Weiter ging es für ihn 2007 als Head of SRI Investment bei ERSTE-SPARINVEST. 2007 absolvierte er zudem ein Executive-Studium an der University of Nottingham, das er mit dem MBA-Titel abschloss.

Weitere Beiträge von
Wolfgang Pinner

Weitere Empfehlungen für Sie:

Jetzt an unserer Umfrage teilnehmen!

Wir verwenden Cookies, um das Navigieren auf unserer Webseite auf Ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen, Ihre Nutzung unserer Webseite zu analysieren und Funktionen für soziale Medien anzubieten. Dies kann eine Übermittlung Ihrer personenbezogenen Daten an Dritte in und außerhalb der EU (z.B. in die USA) umfassen. Weitere Informationen über Datenschutz und Cookies finden Sie hier.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen