Wer braucht eigentlich noch Liquid Alternatives?

Gefühlt seit Jahren steigen die Aktienmärkte zumindest in den für (semi-) institutionelle Investoren relevanten Märkten zu immer neuen Höchstständen. Long-Only-Investoren begründen dieses alternativlose Marktumfeld mit lang anhaltenden Niedrigzinsen und einer Zinserwartung, die vielleicht japanische Verhältnisse vermuten lassen könnte. Wozu braucht man in solch einem Umfeld dann eigentlich noch komplexe Strategien für eine mögliche Diversifikation?

Im letzten Beitrag auf FondsTrends warfen wir ausgehend von der Fragestellung des „Nutzens systematischer Handelssysteme bei der Portfoliokonstruktion“ einen praktischen Blick auf die Konstruktion von Sub-Portfolios von Liquid Alternatives und der Korrelation dieser Produkte zu den klassischen „Bestsellern“ im Fondsbereich. Heute betrachten wir die Performance verschiedener Liquid-Alternative-Strategien.

Fast wörtlich hört man die in der Einleitung genannten Argumente pro einer langfristigen Aktienallokation und vermeintlich gegen eine breite Diversifizierung abseits der klassischen Anlageklassen eben mit dem Fokus auf alternative Strategien. Vereinfacht könnte man entgegnen: Die Hausse nährt die Hausse.

Aber lohnt die Beschäftigung mit auf den ersten Blick komplex anmutenden Strategien überhaupt noch? Braucht es Utensilien aus der Trickkiste und den Einsatz von Derivaten für eine dem Investor genehme Rendite? Was nützen Strategien, die zwar unkorreliert oder sogar negativ korreliert sind, zu Aktienpositionen im aktuellen Umfeld?

Die Befürworter und Anhänger einer möglichst breiten Risikostreuung entgegnen natürlich umgehend: selbstverständlich, zweifelsohne und garantiert. Aber ist dem so?

Natürlich kann ein solcher Artikel keine wissenschaftliche, empirische Datenbasis schaffen, um sich dieser Frage hinreichend zu stellen. Aber ein Blick aus der Praxis auf diese Produktlandschaft lohnt sich in jedem Fall und Zahlen und ein wenig Mathematik sprechen für sich:

Performance-Überblick verschiedener Liquid Alternative Strategien

Quellen: Morningstar, eigene Berechnungen

Die obige Grafik zeigt dazu die sieben volumenstärksten Subklassen aus dem Bereich der Liquid Alternatives so, wie sie von mir in der Praxis herangezogen werden. Und sie stellen jeweils den Sektordurchschnitt und den in den zurückliegenden 12 Monaten überzeugendsten Fonds in der jeweiligen Peergroup dar. Dabei erfolgte die Selektion auf der Basis von final 425 Produkten, die noch neue Investoren aufnehmen (also nicht in einem Softclosing oder Closing sind), jeweils mit einer Vertriebszulassung in Deutschland und einem Live-Trackrecord mindestens seit 2015. Schauen wir uns die Ergebnisse einmal an:

Multistrategy

Die mit Blick auf das Volumen von mittlerweile über 74 Mrd. Euro (70 Mrd. Euro vor 12 Monaten) unangefochtene Nummer 1 sind die sogenannten Multistrategy-Ansätze. Der Top-Performer unter diesen 75 untersuchten Fonds (AKZENT) konnte in den vergangenen 12 Monaten einen Wertzuwachs von rund +21% bei einer Volatilität von unter 8% erzielen. Der Sektordurchschnitt lag im Median bei +2,39 gegenüber +1,01% vor einem Jahr.

Long/Short Debt

Leicht zulegen im Volumen konnten ebenfalls die Ansätze aus dem Bereich Long/Short Debt auf derzeit über 37 Mrd. Euro. Erwartungsgemäß sind die Renditen dieser 59 Produkte in der Peergroup deutlich defensiver. Mit über +12% Return bei halb so hoher Volatilität steht der Spitzenreiter (Legg Mason) fast unangefochten auf Platz 1. Die Peergroup blieb im Mittel mit einem Return von +1,22% leicht hinter dem Vorjahreswert von 1,80% zurück.

Equity Market Neutral

Die 30 Fonds dieser Kategorie vereinen derzeit gut 25 Mrd. Euro. Der herausragende Ansatz eines Produktes von DNB sorgte für einen Return von gut +19% bei einer Volatilität von rund 8%. Die Plätze 2 und 3 folgen dann bereits mit sichtbarem Abstand (+11,3% bzw. +5,8%). Der Median dieses Sektors ging von +1,02% auf 0,83% zurück.

Long/Short – Equity Europe

Beginnen wir nun mit den volumenmäßig eher kleineren Sektoren. Rund 10 Mrd. Euro bringen die 29 Fonds aus dem Bereich L/S Equity Europe zusammen. In den vergangenen 12 Monaten konnte ein Handelsansatz der Credit Suisse ihren Fonds mit einem Wertzuwachs von +21,1% bei einer fast unglaublich niedrigen Volatilität von nur 6,8% auf Platz 1 befördern. Der Sektordurchschnitt lag zum Vergleich bei knapp unter 4% positivem Ergebnisbeitrag.

Debt Arbitrage

Eine gewisse „Sonderrolle“ spielt dieser Sektor mit insgesamt acht Produkten. Eines davon stellt aber mit knapp 8 Mrd. Euro Volumen fast 80% dieses Sektors. Somit verzerrt das natürlich die sonst gewählte Betrachtung. Dass Größe und Bekanntheit allein aber noch kein Garant sind für den Spitzenplatz, zeigt eine Strategieumsetzung von Absolute Insight mit einer Performance in den letzten 12 Monaten von rund +9% bei einer Volatilität von knapp über 10%. Der Median des Sektors lag dabei „nur“ bei +1,78%.

Global Macro

Fast identisch vom Volumen her sind die immerhin 22 Produktumsetzungen im Bereich Global Macro zu sehen. Hier ist – einfach ausgedrückt – freestyle angesagt. So sehen auch die Renditen in diesem Segment aus, reichen sie doch von +53% (H2O) über den Median von +2,20% bis hin zu knapp über -6%. Wobei man sicherlich anmerken muss, dass es lediglich 4 Produkte mit einem positiven, zweistelligen Ergebnisbeitrag in den letzten 12 Monaten gibt und die Plätze 1-3 aus einem Hause stammten.

Managed Futures

Kommen wir zur letzten und kleinsten der sieben dargestellten Kategorien, dem Segment der Managed Futures oder CTAs. Die 25 untersuchten Produkte vereinen aktuell rund 7,5 Mrd. Euro Fondsvolumen. Die Ergebnisse dieser Peergroup sind in einer ganz besonderen Weise auffällig: Einmal ist lediglich in diesem Segment der Median der Performanceergebnisse negativ (-2,79%). Dies könnte darauf schließen lassen, dass die zurückliegenden 12 Monate für primär trendfolgende, systematische Handelsansätze recht problematisch waren. Andererseits zeigen die drei Top-Fonds in diesem Bereich (HSBC, amandea, Man), dass es sehr wohl möglich war, ordentliche, positive Ergebnisbeiträge zu liefern. Bei HSBC und amandea gelang dies sogar im zweistelligen Bereich auf 12 Monate. Die Spannbreite von -18,4% bis zu +12,2% ist dabei allerdings erstaunlich.

Deutlich positive Ergebnisbeiträge in den vergangenen 12 Monaten

Fassen wir zusammen: In allen untersuchten Sektoren aus dem Bereich Liquid Alternatives sind auch in den zurückliegenden, starken Aktienphasen der vergangenen 12 Monate deutlich positive Ergebnisbeiträge sichtbar. Diversifizieren ergibt aus meiner persönlichen Sicht primär dann einen Sinn und Zweck, wenn diese „Diversifizierer“ in sich selbst positive Renditeerwartungen tragen.

Es lohnt also in jedem Fall ein genauer Blick auf die hier genannten Kandidaten – zumindest aber einmal auf die Produktumsetzungen dieser Subkategorien aus den alternativen Investmentfonds.

Sicherlich ist ein Jahr allein nicht besonders aussagekräftig, weil gerade im zurückliegenden Umfeld erkennbar große Korrekturen ausgeblieben sind. Daher folgt zu Beginn des nächsten Jahres nicht nur ein ausführlicherer Rückblick auf ausgewählte „Diversifizierer“ sondern eben auch ein Versuch, praktisch den Nutzen in zurückliegenden „Bärenmärkten“ darzustellen. Spätestens dann sollten die letzten Skeptiker Gefallen an diesen Produktklassen finden, sofern auch oder gerade dort Mehrwerte erkennbar sind.

Diese hier gezeigte recht einfache Vorgehensweise soll als ein erster Gedankenansatz in diese Richtung verstanden werden und nicht als Basis wissenschaftlicher Studien. Denn oftmals führen einfache und verständliche Schritte zu einer viel höheren Akzeptanz als komplexe Whitepaper.

Rückfragen an den Autor werden gerne kurzfristig beantwortet.

06. November 2017

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Autor

Frank Seidel

Frank Seidel ist Mitglied des Vorstandes und einer der drei Gründer der amandea Vermögensverwaltung AG. Er verantwortet unter anderem das Produktmanagement im Bereich der quantitativen Strategien. Seit der Auflage 2009 managt Herr Seidel zudem den voll regulierten Managed-Futures-Fonds amandea – ALTRUID HYBRID gemeinsam mit einem externen Partner. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Wertpapierbereich und der Betreuung von vermögenden Privatkunden.

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