Bieten Gesundheitsaktien Schutz in der Pandemie?

Der Gesundheitssektor hat sich selbst in den schwierigsten Märkten als zuverlässiger, sicherer Hafen erwiesen. Doch die Coronavirus-Pandemie wirft Fragen nach seiner Widerstandsfähigkeit auf.

Bieten Gesundheitsaktien Schutz in der Pandemie?

Der Gesundheitssektor hat sich selbst in den schwierigsten Märkten als zuverlässiger, sicherer Hafen erwiesen. Doch die Coronavirus-Pandemie wirft Fragen nach seiner Widerstandsfähigkeit auf. Wenn man über die Pandemie hinaus auf die Veränderungen schaut, die die gesamte Branche erfasst haben, können Anleger defensive Gesundheitsaktien finden, die auch langfristige Wachstumsaussichten bieten.

Aktien des Gesundheitswesens haben sich im ersten Quartal besser entwickelt als alle anderen Sektoren. Im MSCI World Index fiel der Gesundheitssektor um 10,8 %, während die Benchmark in lokaler Währung um 20,1 % fiel (Abbildung, Diagramm links). Die Sektoren mit der schlechtesten Performance, wie Finanzen und Energie, fielen gar um 30,2 % respektive 43,0 %. Dagegen stellte das Gesundheitswesen einen relativ soliden Sektor in einem unsicheren Umfeld dar. Unsere Analyse zeigt, dass die Gesundheitsbranche während des jüngsten Abschwungs eine bessere relative Performance im Vergleich zum MSCI World erzielte als in früheren Marktkrisen (Abbildung, Diagramm rechts).

Abbildung: Bedingungen verschlechtern sich mit der Ausbreitung von COVID-19

Trotz ihrer guten relativen Wertentwicklung steht die Gesundheitsbranche vor Herausforderungen. Insbesondere wurden vielerorts Arztpraxen, die nicht direkt dem Bedarf im Zusammenhang mit Viren dienen, geschlossen, von Allgemeinmedizinern, Familienkliniken und Tierärzten bis hin zu anderen medizinischen Einrichtungen.

Große medizinische Einrichtungen und Netzwerke sind ebenfalls stark betroffen. Das liegt daran, dass sie elektive Operationen, Behandlungen chronischer Krankheiten, Orthopädie und andere Dienstleistungen, die den größten Teil ihrer Einnahmen generieren, für die Behandlung von COVID-19-Patienten zurückgestellt haben. Auch die Zahl der unfallbezogenen Operationen ist stark zurückgegangen, weil weltweit weniger Menschen Auto fahren, Fahrrad fahren, Sport treiben oder zu Fuß ins Freie gehen, weil sie zu Hause bleiben müssen. Wir glauben, dass die Krankenhäuser noch einige Zeit kämpfen werden, selbst wenn ihnen massiv geholfen wird, wie etwa durch mindestens 100 Milliarden US-Dollar aus dem CARES-Gesetz in den USA.

Auch die Arzneimittelunternehmen sind nicht immun. Als Antwort auf den weltweiten Ruf nach Virusbehandlungen und einem Impfstoff haben die großen Pharmakonzerne die sonstigen medizinischen Forschungsarbeiten in ihren Pipelines gebremst.

Es ist ein gemischtes Bild, aber alle Unternehmen des Gesundheitswesens haben ein beunruhigendes Merkmal gemein: Keines versucht auch nur zu erraten, wie hoch die Gewinne in den nächsten sechs Monaten sein werden. Doch trotz der getrübten Aussichten glauben wir, dass für die meisten Unternehmen im Gesundheitssektor der Nachfrageeinbruch durch die Krise nicht von Dauer sein wird.

Blick über die reine Wissenschaft hinaus

Kurzfristig sind viele Unternehmen des Gesundheitswesens dabei, dem Ruf nach dringend benötigter Hilfe nachzukommen. Diejenigen, die sich zum Beispiel auf Tests, Behandlungen und Schutzausrüstungen spezialisiert haben, beschleunigen die Produktion während der Krise exponentiell.

Die Reaktion ist beispiellos. Aber was den Gesundheitssektor zu einem Dauerbrenner macht, sind die Unternehmen, die alle Widrigkeiten überstehen. Deshalb ist es wichtig, über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse hinauszublicken und die Grundlagen jener Gesundheitsunternehmen zu betrachten, die für die Zukunft gerüstet sind.

Pandemie beschleunigt Wandel

Wie jeder Sektor umfasst auch das Gesundheitswesen viele Spezialgebiete, von denen einige direkt vom Umbruch profitieren können. Zum Beispiel können technologische Innovationen das Arzt-Patienten-Verhältnis revolutionieren. Da das Coronavirus Patienten dazu zwingt, Ärzte aus der Ferne zu konsultieren, glauben wir, dass sich die Einführung der sogenannten Telemedizin jetzt beschleunigen und eine neue Norm für Routineuntersuchungen und nicht dringende medizinische Konsultationen über Computer oder mobile Geräte schaffen wird.

In ähnlicher Weise erforschen Pharmaunternehmen virtuelle Produktmarketingstrategien, die das alte Kontaktmodell zwischen Außendienstmitarbeitern und medizinischen Fachkräften vor Ort auf den Kopf stellen werden. Tatsächlich hat das Gesundheitswesen bei der Einführung neuer Technologien in der Vergangenheit nur zögerlich Fortschritte gemacht. Es bedurfte einer Krise, um einen Innovationsschub auszulösen.

Heute auf Heilung hoffen, aber für morgen investieren

Angesichts der weltweiten massiven Anstrengungen wurden auch Hoffnungen auf einen Coronavirus-Impfstoff oder ein Heilverfahren geweckt. Doch man sollte es unserer Überzeugung nach unterlassen, in reine Hoffnungen auf ein Blockbuster-Medikament gegen COVID-19 zu investieren. Investments sollten langfristig ausgerichtet sein, keine binäre Wette auf einen plötzlichen Gewinn eingehen, egal wie hoch der Einsatz ist. Und in ein Unternehmen zu investieren, das davon überzeugt ist, dass es den Impfstoff entdecken könnte, ist unserer Ansicht nach hochriskant.

Sicherlich wird das Unternehmen, das den Impfstoff gegen COVID-19 findet, der große Gewinner sein, auch wenn Vermarktungschancen und Profitabilität insgesamt bescheiden sein könnten. Aber die Vorhersage wissenschaftlicher Durchbrüche ist keine umsichtige Auswahlstrategie für Gesundheitsaktien. An erster Stelle stehen solide Fundamentaldaten wie gesunde Bilanzen und dauerhafte Wettbewerbsvorteile.

Gesundheitsaktien bieten sowohl defensive Attribute als auch Wachstumspotenzial

Aus einer defensiven Perspektive betrachtet profitiert der Gesundheitssektor von einem stetigen Strom von Kunden, die seine vielfältigen Produkte und Dienstleistungen benötigen. Gleichzeitig verändert die rasante Innovation im Gesundheitswesen alles, von der Diagnostik und Roboterchirurgie bis hin zu minimal-invasiven Therapien und Technologien. Wir sind davon überzeugt, dass dieses ausgewogene Profil nicht nur in einer Krise, sondern auch in einer letztlichen Erholung sowohl Widerstandsfähigkeit als auch Wachstumsaussichten bietet.

 

28. Mai 2020

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Autor

Vinay Thapar

Vinay Thapar ist Senior Vice President und Portfoliomanager für US-Wachstumsaktien und das International Health Care Portfolio. Thapar stieß im Jahr 2011 zu AllianceBernstein (AB) und war zuvor drei Jahre lang Senior Investment Analyst für das globale Gesundheitswesen bei American Century Investments. Davor arbeitete er acht Jahre lang bei Bear Stearns in der Biotech Equity Research Group. Thapar hat einen Bachelor of Arts in Biologie von der New York University und ist CFA-Charterholder. Standort: New York.

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