Die zwei Seiten des prognosefreien Investments

Geldanlage im Finanzmarkt ohne Prognose? Fehlt hier nicht ein wesentlicher Erfolgsgarant des aktiven Managements, um eine höhere Wertentwicklung als die des Gesamtmarktes zu erwirtschaften?

Der Verzicht auf Prognosen, der immer öfter als „prognosefrei“ und „wissenschaftlich“ vermarktet wird, klingt wie eine Kapitulation vor der Komplexität der Finanzmärkte.

Diese Assoziationen bedürfen der Korrektur. Tatsächlich sind die Kapitalmärkte, ganz besonders die Aktienmärkte, aufgrund ihrer hohen Liquidität in normalen Marktphasen weitgehend effizient. Immer weniger Informations-Lücken und unterschiedliche Ansichten können die Basis bilden für ein Portfolio, das sich besser als der Gesamtmarkt entwickelt. Erkenntnisse des Indexanbieters Standard & Poor‘s belegen dies: Die überwiegende Anzahl der Anbieter aktiver Fonds schafft es nicht, auf längere Frist gegenüber dem Markt erfolgreich zu sein – trotz hoher Gebühren. Und die erfolgreichen Anlagemanager sind selten länger als drei Jahre in der Top-Liga. So ist es nur mit sehr hohem Aufwand und viel Analyse möglich, gute Fondsmanager zu identifizieren.

Prognosefrei investieren ist möglich

© Bild: amandea Vermögensverwaltung AG 2018 und Fotolia 127562730//Rosalie P

Es gibt zwei mögliche Reaktionen auf diese Erkenntnis: Anleger können in langfristige, ökonomisch fundamental begründete passive Strategien ausweichen, oder eben in sehr kurzer Frist gänzlich ohne Prognosen auskommen. Prominente Vertreter der Langfrist-Strategie sind Verfechter des Buy & Hold wie John Bogle oder Warren Buffett. In der Folge müssen Anleger ihren Anlagehorizont auf eine sehr lange Frist ausdehnen und sich möglichst breit aufstellen.

Es gibt eine weitere Möglichkeit, sich der offenkundig mangelnden Effizienz von Kapitalmarkt-Prognosen zu entziehen: In diesem Fall stellt sich der bewusst aktiv handelnde Manager jeden Tag neu auf. Dabei müssen nicht jedes Mal die Portfolio-Bestandteile gedreht werden – vielmehr handelt es sich um eine Standortbestimmung zur Allokation der Portfoliobestandteile und den aktuellen Risikoeinschätzungen. Um risikomindernde Diversifikationseffekte zu nutzen, sollten aber so viele Märkte wie möglich abgedeckt werden. Das funktioniert dann nur noch mit zwei Maßnahmen: Mit einem hohen Maß an Automatisierung und jahrelanger Erfahrung in der Bewertung von Marktdaten.

Eine solche Strategie kann mit Hilfe eines global investierenden CTA (Commodity Trading Advisor) breit umgesetzt werden. Eine Vielzahl wesentlicher Asset-Klassen wird dort laufend vollautomatisch beobachtet. Das Investment wird mittels liquider Futures umgesetzt und ist schnell anpassbar. Es gibt dort keinen fundamentalen Zusammenhang der Renditen mit dem langfristigen Wachstum einer bestimmten Ökonomie, der Handel ist reiner Selbstzweck. Dem Handels- und Risikomodell liegen zahlreiche Algorithmen zu Grunde, die Marktdaten in verschiedenen Intervallen interpretieren und dabei Muster und Trends identifizieren. Je länger das Modell läuft, desto mehr Erfahrungswerte fließen ein. Gleichzeitig laufen ständig Tests neuer Algorithmen, wenn bestehende Trendmuster nicht mehr greifen. Am besten hat das Modell dabei schon eine komplette Kapitalmarktkrise verdaut.

Hohe Anforderungen an die Anleger

Prognosefrei investieren ist also möglich. Die Kehrseite: Es stellt hohe Ansprüche an die Anleger.

Eine Buy & Hold-Strategie verlangt vom Anleger langfristige Beharrlichkeit und ein entsprechendes Vermögen, das über lange Zeit unangetastet bleiben kann. Während der langen Anlagedauer müssen sich Buy & Hold-Anleger vom Getöse der Anleger-Medien fernhalten, die beispielsweise Investments in Vietnam oder Bitcoin hypen oder den DAX-Stand am Jahresende propagieren. Das scheint nicht leicht, wenn auch noch handfeste Krisen die Märkte erschüttern, die Verlustängste um sich greifen und das Beta in den Keller saust. Als Ausgleich ist eine Buy & Hold-Strategie in der Umsetzung recht kostengünstig.

Und genauso verlangt auch die kurzfristige Variante Eingewöhnung: Hier gibt es ein regelmäßiges Auf und Ab. Die Renditen kommen aus anderen Quellen als der Partizipation an den großen Aktien- oder Anleihemärkten, die wir so gerne als Benchmark nutzen. Die kurzfristige Strategie funktioniert vor allem, wenn es viele Ineffizienzen gibt – also in Zeiten großer Verunsicherung. Kleine Krisen können ein solches Investment-Modell sogar stärker machen für größere Einbrüche, ähnlich wie es der berühmte griechische Arzt Paracelsus in der Antike schon empfahl: mit kleinen Dosen Gift immun werden (Mediziner und Mathematiker nennen es “Hormesis”). Auch hier ist viel Disziplin und Vernunft vom Anleger gefordert.

Fazit: Nicht das Produkt, sondern den Manager bewerten

Wenn aus Performance und Risiko ein Ranking für ein Investment-Produkt entsteht, ist das eine Prognose über den zukünftigen Erfolg. Das passt nicht zusammen mit einer Investment-Strategie, die Prognosen bewusst ignoriert. Auf diese Besonderheiten muss also auch in der Fondsanalyse Rücksicht genommen werden.

Um Manager auszuwählen, die prognosefrei arbeiten, ist mehr Aufwand von Nöten: Anleger müssen hinter die Kulissen schauen und bewerten, ob die Strategie Hand und Fuß hat und das Handwerkszeug vorhanden ist. Erträge aus der Vergangenheit können so ein Bild allenfalls abrunden.

Es ist ähnlich wie beim Kauf eines Unternehmens: Man kauft vor allem das Geschäftsmodell, also die Möglichkeit, künftige Cash-Flows zu erzielen. Die Gewinn-Historie reicht dabei nicht aus. Und auch das kann sich sehr gut auszahlen.

20. August 2018

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2 Kommentare auf "Die zwei Seiten des prognosefreien Investments"

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Michael Feiten
Gast
Wenn die Märkte „aufgrund ihrer hohen Liquidität in normalen Marktphasen weitgehend effizient“ sind, warum steigt das Volumen dann in z.B. Abwärtsphasen stark an? Und was ist „normal“ an den Märkten, was nicht? Diese Frage hat es in sich. Allerdings nicht wirklich, wenn man prognosefrei arbeitet. CTAs indessen sind – per se – ein tolles Vehikel. Gleichwohl: nur eines, von mehreren. Ein Investor, der schlau und (mental) stark genug ist, überhaupt keine Prognosen anzustellen bzw. demütig genug ist zu wissen, dass alle Prognosen maximal „Vermutungswissen“ (Popper) sein können, sollte sich prinzipiell breit aufstellen, über so viele Anlageklassen wie möglich. Auch CTAs… Mehr lesen »
Frank Seidel
Gast
Herzlichen Dank für die Lektüre und Ihren detaillierten Kommentar! „Normal“ ist ein stark vereinfachender Terminus, da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Gemeint im Artikel waren Marktphasen abseits der kapitalen Krisen. Ex post lassen sich da durchaus Aussagen treffen. Die Liquidität ist enorm, wenn man sich die Orderbuchtiefe in den gängigen Aktienwerten oder den Derivatemärkten ansieht. Dass die Volumina in turbulenten Abwärtsphasen anschwellen, heißt meiner Meinung nach aber nicht, dass dann auch automatisch Effizienz gegeben ist. Wie auch immer, die Beobachtungen zur „Normalität“ sollten nicht als Prognose missverstanden werden Diese Beurteilung überlassen wir lieber einem kurzfristigen Handelsmodell. Ihre Ansicht zur breitmöglichsten… Mehr lesen »
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Autor

Frank Seidel

Frank Seidel ist Vorstandsmitglied der unabhängigen amandea Vermögensverwaltung AG, die er zusammen mit zwei Partnern gegründet hat. Bei amandea kümmert er sich um anspruchsvolle Investment-Ansätze, entwickelt Produkte, bringt neue Technologien ein und führt das Family Office. Er veröffentlicht in seinem eigenen Blog und auf FondsTrends. Seidel verfügt über langjährige Erfahrung im Wertpapierbereich und der Betreuung von vermögenden Privatkunden.

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