„Wenn es darum geht, unsere Welt nachhaltiger zu gestalten, kommt der Finanzindustrie eine wichtige Rolle zu“

Luxembourg for Finance (LFF) ist die Agentur für die Entwicklung des Finanzplatzes. Ihr Ziel ist es, durch eine strukturierte internationale Kommunikationspolitik und durch die Förderung neuer Wirtschaftszweige zur nachhaltigen Entwicklung des internationalen Finanzplatzes Luxemburg beizutragen. Nicolas Mackel ist seit Sommer 2013 CEO der Agentur. FondsTrends sprach mit ihm über die 5-Jahres-Vision des LFF, die Rolle der sozialen Medien, die wichtigsten Erkenntnisse der letzten Wochen bezüglich COVID-19 und seine persönlichen Ambitionen für die Zukunft.

 

FondsTrends: Herr Mackel, in den letzten drei Monaten gab es fast nur ein Thema: COVID-19. Jetzt scheint der Wendepunkt gekommen zu sein. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Lehren aus den Entwicklungen der letzten Wochen? Glauben Sie, dass wir vollständig zur früheren Normalität zurückkehren werden, oder sehen Sie nachhaltige Veränderungen?

Nicolas Mackel: Zwar scheint es tatsächlich einen Wendepunkt in der durch das COVID-19-Virus ausgelösten Gesundheitskrise zu geben, doch die wirtschaftlichen Folgen der Abriegelungen beginnen sich abzuzeichnen und werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

Drei wichtige Lehren ziehe ich aus dieser Krise. Erstens: Unsere Gesundheit ist ein sehr kostbares und zerbrechliches Gut, das wir hegen und pflegen müssen. Zweitens sollten wir für Lösungsvorschläge nur auf kompetente Menschen hören und nicht auf Scharlatane. Drittens ist die Welt in der Tat ein sehr kleiner Ort, und wir müssen globale Lösungen für globale Probleme finden und dürfen nicht glauben, dass Länder allein handeln können.

Die Krise wird bei vielen von uns tiefere Auswirkungen hinterlassen haben als wir uns gegenwärtig vorstellen können. Viele haben nun die Vorzüge der Heimarbeit entdeckt und werden diese auch weiterhin genießen wollen, mit einer Reihe von Folgen für die Verkehrsinfrastruktur, wenn nicht sogar für die Verstädterung. Neue digitale Werkzeuge wurden in einem Bruchteil der Zeit eingeführt, die normalerweise dafür nötig gewesen wäre. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir hoffentlich die Bedeutung der Nachhaltigkeit verstanden haben, denn wir mögen vielleicht die Covid-19-Krise überwunden haben, aber wir sind möglicherweise nicht in der Lage, eine globale Klimakrise zu überwinden.

FondsTrends: Luxembourg for Finance hat kürzlich ein Papier mit einer 5-Jahres-Vision für die weitere Entwicklung einer nachhaltigen Finanzindustrie in Luxemburg veröffentlicht. Können Sie die Vision für unsere Leser bitte kurz zusammenfassen?

Nicolas Mackel: In der Tat haben wir Anfang Januar dieses Jahres ein Dokument veröffentlicht, in dem wir unsere Vision für die Entwicklung des Finanzplatzes Luxemburg in den nächsten fünf Jahren darlegen. Das war offensichtlich perfektes Timing …

Auch wenn die Krise eine Reihe von Anpassungen des Dokuments erfordern wird, an denen wir bereits arbeiten, wird die zugrunde liegende Vision weiterhin gültig bleiben: Zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft beizutragen.

Wenn es darum geht, unsere Welt nachhaltiger zu gestalten, kommt der Finanzindustrie eine wichtige Rolle zu; nicht nur im ökologischen Sinne, sondern in Bezug auf viele verschiedene Aspekte.

Luxemburg ist sich der Verantwortung, die ein wichtiger Finanzplatz mit sich bringt, sehr wohl bewusst, und wir sind bestrebt, diese Verantwortung auch zu übernehmen. Dies reicht von einem stichhaltigen regulatorischen Rahmen mit höchsten Anlegerschutzstandards bis hin zu einem eindeutigen Bekenntnis zur Steuertransparenz. Dazu gehört auch die Erhaltung gesunder öffentlicher Finanzen als Garantie für langfristig orientierte Investoren ( z.B. Pensionsfonds). Das bedeutet zudem die Schaffung eines Umfeldes, um Finanzinstitutionen beim Übergang in das digitale Zeitalter zu unterstützen.

FondsTrends: Sowohl Luxembourg for Finance als auch Sie selbst sind ziemlich aktiv in sozialen Medien, insbesondere auf LinkedIn. Wie wichtig sind diese Plattformen für Sie in Bezug auf PR oder die Kommunikation mit Ihren Stakeholdern?

Nicolas Mackel: Durch seine verschiedenen Social Media-Präsenzen hat LFF eine Gemeinschaft von internationalen Finanzprofis, Investoren und Journalisten aufgebaut, die daran interessiert sind, mehr über globale Trends im internationalen Finanzwesen und Luxemburg in der Wertschöpfungskette internationaler Finanzdienstleistungen zu erfahren.

Soziale Medien ermöglichen es uns, direkt mit einer Interessensgemeinschaft Gleichgesinnter in Kontakt zu treten und Botschaften ungefiltert zu übermitteln. Dadurch, dass unsere Gemeinschaft diese Botschaften multipliziert, haben wir über soziale Medien zudem die Gelegenheit, ein globales Publikum zu erreichen – das wäre über andere Kanäle nur schwer machbar. Es ist jedoch auch wichtig, eine Vielzahl von Kanälen beizubehalten, einschließlich traditioneller Medien und traditioneller Werbung, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen.

FondsTrends: Herr Mackel, als Diplomat haben Sie Erfahrungen in den USA und China gesammelt. Wie beurteilen Sie die zunehmenden Spannungen zwischen den beiden rivalisierenden Weltmächten? Muss sich Europa zwischen einem der Systeme entscheiden oder glauben Sie, dass der „alte Kontinent“ die Kraft und die Einheit hat, die Welt eigenständig zum Besseren zu gestalten und zwischen den USA und China zu vermitteln? Welche Rolle könnte der Finanzsektor dabei möglicherweise spielen?

Nicolas Mackel: Als Gründungsmitglied der UNO, der EU, der OECD und vieler anderer internationaler Organisationen setzt sich Luxemburg für offene Handelsbeziehungen und Multilateralismus im Allgemeinen ein.

Wir sind stolz darauf, ausgezeichnete Beziehungen zu anderen Ländern und insbesondere zu den Vereinigten Staaten und China zu unterhalten. Die Handelsspannungen zwischen diesen Ländern sind hoffentlich ein vorübergehendes Ärgernis und eher ein Nebeneffekt der zunehmenden wirtschaftlichen und geopolitischen Bedeutung Chinas. Beide Länder sind viel zu klug, um den Rubikon zu überschreiten.

Meiner Ansicht nach steht Europa nicht vor der Wahl zwischen verschiedenen Systemen; wir haben unsere Wahl vor langer Zeit getroffen und sehen keinen Grund, das zu ändern. Europa ist eine große Erfolgsgeschichte, aber es ist nicht gut genug darin, seine Geschichte zu erzählen und sein Gewicht geltend zu machen. Im Handel spielt es jedoch eine äußerst wichtige Rolle und wird dies auch weiterhin tun. Diese Rolle als Vermittler und Mittler wird es sicherlich nutzen können.

Die Finanzindustrie spielt eine globale Rolle, indem sie Kapital von internationalen Investoren aufnimmt und diese Investitionen an Firmen oder Projekte auf der ganzen Welt vergibt. Jegliche kommerziellen oder anderen Spannungen sind im Allgemeinen einem guten Investitionsklima nicht förderlich und daher potenziell schädlich für die Länder, in denen diese Spannungen entstehen. Die Finanzindustrie macht diesen Zusammenhang deutlicher und kann so zur Beruhigung der Spannungen beitragen.

FondsTrends: Wenn Sie gestatten, möchten wir Sie gerne etwas Persönliches fragen. Am 01. Juli feiern Sie Ihren 50. Geburtstag. Wenn Sie zurückblicken und einen entscheidenden Ratschlag erteilen müssten, insbesondere an junge Berufstätige, welcher wäre das? Und was sind Ihre persönlichen Ziele für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre?

Nicolas Mackel: Do what you like and like what you do!

Wenn ich jetzt auf meine 25 Jahre im Berufsleben zurückblicke, stelle ich fest, dass ich eine großartige Zeit in einer Vielzahl von Berufen hatte, gerade weil ich an diesem Leitsatz festgehalten habe. Es hat mir ermöglicht, mein Bestes zu geben und dabei Spaß zu haben. Ich habe wahrscheinlich nicht so viel verdient wie andere, aber ich hatte ein sehr bedeutungsvolles und lohnendes Berufsleben.

Mein berufliches Ziel für die Zukunft ist, die Fahrt noch zehn Jahre lang zu genießen, und dann werden wir sehen …

FondsTrends: Herr Mackel, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

 

08. Juni 2020

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Autor

Nicolas Mackel

Nicolas Mackel ist CEO von Luxembourg for Finance, der Agentur für die Entwicklung des Finanzplatzes. Nicolas ist Diplomat und verfügt über einen Abschluss in Rechtswissenschaften der Universität Aix-en-Provence sowie zwei Postgraduierten-Diplome in Europarecht der Universität Sorbonne bzw. des Europakollegs in Brügge.

Er arbeitete als Rechtsreferent am Europäischen Gerichtshof, bevor er 1999 in das Außenministerium wechselte. Im Jahr 2002 wurde Nicolas nacheinander an die Ständige Vertretung Luxemburgs bei der EU entsandt, 2007 als stellvertretender Missionschef an der luxemburgischen Botschaft in Washington, D.C. und 2011 als Generalkonsul in Shanghai, wo er als Geschäftsführender Direktor des luxemburgischen Handels- und Investitionsbüros für die Förderung der luxemburgischen Wirtschaftsinteressen in ganz China zuständig war.

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